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Für über 90% der Architekten bedeutet Mengenermittlung noch immer Handarbeit
Kostenberechnung, Massenermittlung und Ausschreibung bedeuten für den Architekten lediglich einen Knopfdruck. Daraufhin laufen alle Informationen von selbst maßlich unt inhaltlich korrekt und vollständig aus dem Computer. So jedenfalls lautet die vorherrschende Meinung vieler Bauherren und Handwerksmeister.

Die Wahrheit aber sieht komplett anders aus. In der Praxis legen nahezu alle Architekten noch immer den Dreikant an. In der Tat antworten auf die Frage, wie in der Praxis Baumassen ermittelt werden, Laien und so mancher Bauschaffende einhellig: "Der Architekt drückt auf einen Knopf. Dann kommt alles aus dem CAD". Wie weit diese Einschätzung die Wirklichkeit verfehlt, zeigt eine von der avaris systemware GmbH in Auftrag gegebene Studie. Danach benutzen über 80% der Architekten inzwischen eine CAD-Software. Unter jüngeren Kollegen ist der Anteil sogar noch höher. Lediglich knapp 20% zeichnen noch mit Hand. Gleichzeitig sagt dieselbe Studie aus, dass davon aber nur etwa 8% auch Kostenberechnung und Massenermittlung für Ausschreibungen mit der CAD-Software erledigen. Hier arbeiten über 92% noch mit Hand oder mit notdürftig zusammen gestrickten Tabellenkalkulationen. Offensichtlich klaffen beim Thema Massenermittlung über CAD Anspruch und Realität weit auseinander.

 

Wo kommt diese Diskrepanz her? Denn eigentlich verfügen viele CAD-Programme tatsächlich über die Fähigkeit der Massenermittlung? Das extreme Auseinanderklaffen von theoretischem Anspruch und baualltäglicher Wirklichkeit kommt zustande, weil der Softwareeinsatz sich in der Büropraxis über das bloße Funktionieren hinaus auch "rechnen" muss. Dabei zeigt sich, dass der Einspareffekt von CAD-Programmen im üblichen Wohnungsbau generell nicht so groß ist wie gemeinhin angenommen. Entwurf und Planzeichnung bringen geübte Zeichner ebenso schnell zu Papier wie in den Computer. Erst bei nachträglichen Änderungen kann das virtuelle Zeichenpapier seine Trumpfkarten ausspielen, wenn es dem Konstrukteur die berüchtigten aus dem Pergament gekratzten Löcher erspart und sich Maßlinien wie von Geisterhand geführt von selbst anpassen.
In der Praxis führt dies dazu, dass die Fähigkeiten der CAD-Systeme häufig nicht vollkommen ausgeschöpft werden. Grundrisse, Schnitte und Ansichten werden häufig nur als zweidimensionale Zeichnungen erstellt, obwohl der Computer Schnitte und Ansichten automatisch erzeugen könnte, sofern ein 3D-Modell vorläge. Dieses einzugeben und zu erzeugen ist aber mit einem Mehraufwand an Eingaben verbunden, der das Zeichnen von Schnitten und Ansichten häufig übersteigt. Viele Architekten und Konstrukteure sind sich darüber einig, dass dreidimensionale Computermodelle sich besonders bei einfachen und kleinen Gebäuden nicht immer rechnen.
Umso mehr gilt diese Einschätzung für das Berechnen von Mengen über CAD. Der Planer begnügt sich ja nicht mit der Angabe von Strichlängen und Zeichenflächen. Er braucht Baumassen  - Teilleistungen. Das kann aber das CAD beim besten Willen nicht selbst entscheiden. Um brauchbare Massen zu erhalten, muss der Planer daher Qualitäten festlegen und ggf. sogar einzelne Detailpunkte klären, wenn sie sich masseändernd auswirken. Das bedeutet aber: Der Planer wird gezwungen in einem sehr frühen Stadium Zeit zu investieren und Leistungen zu erbringen, die einer späteren Leistungsphase zugeordnet sind und zu diesem Zeitpunkt nicht honoriert werden. Entfallen die weiteren Leistungsphasen, weil der Auftrag an einen Generalunternehmer vergeben oder nicht in der vorgeschlagenen Art realisiert wird, war die Arbeit vergebens.
Betreibt der Planer in der Entwurfsphase nicht mehr Aufwand als zu diesem Zeitpunkt aus seiner Sicht erforderlich, sind in seinem Plan weniger als 10% der tatsächlich im Gebäude vorkommenden Bauteile dargestellt oder in ausreichendem Maße qualitativ bestimmt. Sicherlich bestehen logische Zusammenhänge, mit deren Hilfe ein Teil der fehlenden Angaben kompensiert werden kann. Den Rest aber müsste sich ein CAD-Programm "aus den Fingern saugen". Die Übereinstimmung mit den tatsächlich zur Ausführung kommenden Teilleistungen ist dann mehr oder weniger ein Zufallsprodukt.
Dies spiegelt präzise die Klagelieder derer wider, die sich mit der praktischen Anwendung der Mengenermittlung via CAD beschäftigen. "Mein CAD könnte das eigentlich schon. Wenn ich aber ein sauberes Ergebnis haben möchte, muss ich mehr Zeit aufwenden als bei einer händischen Berechnung. " So lautet eine häufige Einschätzung von Architekten. Es ist also wenig verwunderlich, dass die Massenermittlung über CAD im Baualltag nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Mehrheit der Architekten zieht die aus ökonomischer Sicht vernünftigen Konsequenzen: Sie rechnen von Hand. Nur ist dies eben keine zufriedenstellende Lösung.